Laufende Dissertationen
Klara Doppler
Public Health in Österreich – Gesundheitsförderung und Prävention als Aufgabe der Rechtsordnung
Public Health sowie insbesondere die Teilbereiche Gesundheitsförderung und Prävention sind in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus verschiedener Disziplinen gerückt. Eine umfassende rechtswissenschaftliche Auseinandersetzung steht bis dato in Österreich allerdings noch aus. Vor diesem Hintergrund widmet sich meine Dissertation erstmals einer systematischen Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen von Gesundheitsförderung und Prävention in sämtlichen Rechtsbereichen der österreichischen Rechtsordnung. Um die Rechtslage umfassend abbilden zu können, erfolgt zudem eine Analyse der einschlägigen Bestimmungen im europäischen und internationalen Recht. Neben der Darstellung des Status quo werden grund- und menschenrechtliche Dimensionen des Zugangs zu präventiven und gesundheitsfördernden Maßnahmen sowie die verfassungsrechtlichen Grenzen staatlicher Maßnahmen des Gesundheitsschutzes untersucht.
Ziel der Arbeit ist es, folglich die österreichische Rechtsordnung erstmals umfassend auf ihre Public-Health-Bezüge zu untersuchen, bestehende (implizite) Verpflichtungen und Gestaltungsspielräume herauszuarbeiten. Darauf aufbauend werden Vorschläge entwickelt, wie Gesundheitsförderung und Prävention unter Berücksichtigung der Gesundheitsdeterminanten stärker in der österreichischen Rechtsordnung verankert werden können, um Herausforderungen wie die hohe Prävalenz vermeidbarer Erkrankungen wirksamer zu adressieren.
Die Ergebnisse sollen über den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn hinaus Impulse für die Weiterentwicklung gesundheits- und rechtspolitischer Rahmenbedingungen leisten. Vor diesem Hintergrund ist eine gezielte Dissemination der Ergebnisse vorgesehen, die sich nicht nur an rechtswissenschaftliche Fachkreise richtet, sondern insbesondere auch an die Praxis sowie angrenzende Disziplinen. Ziel ist es, die Ergebnisse dort zu verorten, wo sie für rechtliche und gesundheitspolitische Entscheidungsprozesse unmittelbar relevant sind.
Sabine Parrag
Mittelnde Pflege. Ethisches Handeln von Pflegefachkräften im Kontext struktureller Vulnerabilität im österreichischen Gesundheitswesen am Beispiel der Nutzung von Videodolmetschen
Das Dissertationsprojekt untersucht das ethische Handeln von Gesundheitsprofessionist:innen – insbesondere der Pflege – bei der Versorgung nicht-deutschsprachiger Patient:innen im österreichischen Gesundheitswesen. Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit ist die Auseinandersetzung mit dem Einsatz von Videodolmetschen als vergleichsweise neue und zunehmend relevanter werdende Ressource zur Überwindung von Sprachbarrieren. Im Zentrum steht die Rolle von Pflegefachkräften als wichtige Vermittler:innen und „Gatekeeper:innen“, welche im klinischen Alltag wesentlich an Entscheidungsprozessen beteiligt und beim Gestalten des Zugangs zu medizinischer/pflegerischer Versorgung, Kommunikation und institutionellen Ressourcen involviert sind. Sprachbarrieren sollen hier nicht nur als individuelles Kommunikationsproblem betrachtet werden, sondern zudem als Ausdruck struktureller Bedingungen, die in organisationalen Routinen, bei der Ressourcenverteilung und in institutionellen Prioritätensetzungen verankert sind. Diese Bedingungen prägen sowohl die konkrete Versorgungspraxis als auch die Reproduktion sozialer Ungleichheiten im Gesundheitswesen, womit sich das Konzept der strukturellen Vulnerabilität und jenes der strukturellen Kompetenz befasst.
Pflegefachkräfte nehmen eine aktive Rolle im Versorgungsalltag ein und leisten vielfältige Übersetzungs-, Vermittlungs- und Aushandlungsleistungen zwischen Patient:innen, Gesundheitseinrichtungen und interprofessionellen Teams. Wenn individuelle pflegeethische Ansprüche und professionelle Werte mit vorhandenen institutionellen Vorgaben, begrenzten Ressourcen oder organisationalen Strukturen in Konflikt geraten, entstehen häufig ethische Spannungsfelder, was wiederum zum Entstehen von moralischem Stress führen kann.
Theoretisch verortet sich die Dissertation in einem interdisziplinären Rahmen aus Care- und Organisations-Ethik, struktureller Vulnerabilität, Gatekeeping-Theorien und Bourdieus Praxistheorie. Sie analysiert Gatekeeping in der Pflege als sozial strukturierte, organisationale und moralische Praxis, in der Sprachbarrieren und ungleiche Kapitalverteilungen den Zugang zu Gesundheitsversorgung prägen.
Methodisch basiert die Dissertation auf einem ethnografischen Forschungsdesign, das teilnehmende Beobachtungen, qualitative Interviews und Dokumentenanalysen kombiniert. Dadurch sollen die komplexen sozialen, organisationalen und ethischen Dynamiken des klinischen Alltags erfasst und analysiert werden.
Ziel der Arbeit ist es, ein vertieftes Verständnis für die Entstehung und Wirkung ethischen Handelns von Gesundheitsprofessionist:innen unter strukturellen Bedingungen zu entwickeln und einen Beitrag zu einer gerechteren, inklusiveren und diversitätssensiblen Gesundheitsversorgung zu leisten.
Tamina-Laetitia Vielgrader
Der assistierte Suizid in Österreich: Institutionelle Herausforderungen, Erfahrungen und Perspektiven von Sterbewilligen und Angehörigen
Die Legalisierung des assistierten Suizids in Österreich und das Inkrafttreten des Sterbeverfügungsgesetzes am 1. Januar 2022 haben komplexe Herausforderungen für Sterbewillige, deren Angehörige sowie Gesundheitseinrichtungen mit sich gebracht. Diese kumulative Dissertation bietet eine umfassende empirische Analyse jener Herausforderungen. In vier Teilstudien untersucht die Arbeit die realweltlichen Erfahrungen von Sterbewilligen, pflegenden Angehörigen sowie Pflege- und ärztlichen Direktionen entlang des gesamten Prozesses.
Die erste Studie evaluiert mittels eines Mixed-Methods Ansatzes den Vorbereitungsgrad von ärztlichen und pflegerischen Leitungen von Krankenhäusern (N=239). Die Ergebnisse zeigen Zweifel und Unsicherheit, wie auch institutionelle Unterschiede auf: 44% der Direktor*innen berichten von rechtlicher Unsicherheit, zudem fehlen oftmals formale Richtlinien. Die zweite Studie nimmt die gelebte Erfahrung von pflegenden Angehörigen in den Blick. Anhand qualitativer Interviews (N=9) wurde sichtbar, dass diese eine Doppelrolle als emotionale Stütze gleichzeitig aber auch als administrative Manager einnehmen. Die Ergebnisse verdeutlichen die soziale Stigmatisierung sowie die enorme Belastung, die mit der isolierten Bewältigung bürokratischer Hürden und organisatorischer Aufgaben einhergeht. Die dritte Studie untersucht die prozessualen (Un-)Gerechtigkeiten innerhalb der Abläufe des assistierten Suizids in Österreich durch Interviews mit Sterbewilligen (N=4). Indem der Fokus auf den gesamten Verfahrensweg statt nur auf die im Sterbeverfügungsgesetz ausgewiesenen Voraussetzungen gelegt wird, zeigt sich, dass die Notwendigkeit alle Schritte selbst organisieren zu müssen, Sterbewillige sehr belastet. Die vierte Studie untersucht anhand eines dyadischen Interviews und einer autoethnografischen Reflexion die relationale Dimension innerhalb eines assistierten Suizids und wie dieser als biografische Disruption konzeptualisiert wird. Die Studie hinterfragt Konzepte der individualisierten Autonomie und zeigt auf, wie geschlechtsspezifische Pflegearrangements und antizipatorische Trauer den Sterbeprozess innerhalb einer Ehe prägen.
Zusammenfassend verdeutlichen die Studien dieser Dissertation, dass das Sterbeverfügungsgesetz zwar einen rechtlichen Weg zur Autonomie ebnet, die praktische Realität allerdings von institutioneller Unsicherheit, Belastungen zwischenmenschlicher Beziehungen und strukturellen Ungerechtigkeiten überschattet wird. Es fehlt an den notwendigen staatlich gelenkten strukturellen, psychologischen und ethischen Unterstützungsangeboten, die erforderlich wären, um ein gerechtes und würdevolles Lebensende durch assistierten Suizid in Österreich zu gewährleisten.